Dienstag, 5. September 2017

{Lifestyle} Der alte Mann und das Müllmeer oder warum Mistkübelstierdln nicht aus der Mode kommt

Da ertönt es schon wieder, das charakteristische ratternde Geräusch, wenn man den Müllcontainer vor dem Haus öffnet, gefolgt von dem dumpfen Ton, wenn man ihn wieder schließt. Dazwischen liegen zwei Minuten der Stille, die von gelegentlichem Rascheln unterbrochen wird. Es ist noch früh Morgens und ich erspähe, wie jeden Tag um etwa dieselbe Zeit, den alten Mann aus der Nebengasse den Müll durchwühlen. Erfahrungsgemäß wird er am späten Nachmittag die nächste Runde drehen. Als ich ihn das erste Mal durch Zufall bei seiner Aktion entdeckt habe, hat er leere Eierkartons herausgeholt und ist damit von dannen gezogen. Dabei habe ich mich nicht unbedingt darüber gewundert, dass jemand im Müll stierlt, sondern eher darüber, dass es zum ersten Mal da, wo ich wohne, passiert. Eine Nachbarin meinte unlängst zu mir, er würde nach Essen suchen, weshalb sie manchmal Sachen, die sie doch nicht konsumiert, in einem Sackerl neben dem Container platziert. Mittlerweile machen dies einige andere in der Gasse genauso und so sieht man hin und wieder diverse Lebensmittel dekorativ auf der Mauer um die Müllinseln oder auch mal auf den Postkästen stehen. Arbeitserleichterung für den alten Mann und zumindest ein kleines Zeichen gegen Verschwendung geben sich hier die Hand.

skeeze via Pixabay

Mein Großvater väterlicherseits gehörte ebenfalls zur Fraktion Mistkübelstierler. Sehr zum Leidwesen meiner Großmutter schleppte er ständig Zeug an, wobei sein Hauptaugenmerk auf technischen Gerätschaften lag, an denen er in seinem Kabinett herumbastelte. Zu seinen Glanzzeiten besaß er um die fünf oder sechs zusammengeschusterte Computer, alles Dank seiner Ausflüge zu Müllcontainern oder sogar der hiesigen Müllumladestation. Da war jedoch noch lange nicht Schluss und so zogen ebenfso andere Dinge des täglichen Gebrauchs bei ihm ein. Nicht alles überlebte Omas strengen Blick, aber ab und zu waren schon brauchbare Sachen dabei. So habe ich auf diese Weise sogar einmal ein nagelneues Paar Leinenschuhe (mit Etikett!) geerbt. Für ihn war Zeit seines Lebens Müll ein reicher Fundus an Brauchbarem und die allgegenwärtige Wegwerfmentalität lieferte reichlich Auswahl.

Vom Containern oder Dumpster Diving hört man in den Medien eigentlich am meisten, wobei im Grunde genommen, die Suche nach aller Art von brauchbaren Dingen im Müll nichts Neues ist. Dabei ist es egal, ob es sich vorrangig um Lebensmittel handelt oder doch um Gebrauchsgegenstände, denn der Fokus liegt auf dem verschwenderischen Umgang mit denselben. Endstation Müll. So wird ohne nähere Überlegung, Planung oder gar Weitsicht eingekauft und gedankenlos weggeworfen, obwohl es eigentlich genießbar, nützlich und vor allem verwertbar ist. Der Wert jedoch ist für den, der etwas entsorgt nicht immer offensichtlich genug. Durch futuristische Müllcontainer, die einem jedes Mal, wenn man diese befüllt, auf einem Display anzeigen, welche Geldsumme man gerade wegschmeißt, würde wohl bei den meisten ein Umdenken einsetzen. Vielleicht würde eine schlichte Erhöhung der Müllgebühren, sowohl für Haushalte als auch Unternehmen, Abhilfe schaffen.

Lebte mein Großvater noch, könnte ich ihn fragen, was sich im Laufe der Jahre in Bezug darauf, welche und vor allem wie viele Schätze sich im Müll finden lassen, geändert hat. Allerdings lässt sich durchaus erahnen, das die Bezeichnung Wegwerfgesellschaft nicht von ungefähr kommt und als Konsequenz auch Fundstücke aus Müllcontainern reichlicher sind als zB in den 60er Jahren. In den letzten Jahren stieg zwar das Bewusstsein dafür - Supermärkte spenden abgelaufene Ware an soziale Einrichtungen und Tauschboxen belassen Gebrauchsgegenstände in Umlauf - unterm Strich muss trotzdem noch eine Menge geschehen. Ein konsequentes Umdenken schont nämlich nicht nur die Börse sondern vor allem unsere Umwelt! Einziger Nachteil: Der alte Mann geht dann leer aus. Aber was spricht dagegen, ihm ab und zu ein paar Nahrungsmittel vor die Haustür zu stellen?

Bist du schon einmal Mistkübelstierlern begegnet oder kennst du vielleicht sogar einen persönlich? Wirfst du manchmal Sachen weg, die andere eventuell noch nutzen könnten?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen